Rotkehlchen sitzt auf der Schwelle einer offenen Tür mit Blick in einen grünen Garten.

Solange uns der Augenblick gehört

Warum wir Erinnerungen schaffen sollten, statt das Leben auf später zu verschieben

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Wir leben oft, als hätten wir unendlich viele Gelegenheiten.

Wir glauben, wir könnten den Besuch später nachholen, den besonderen Tisch irgendwann decken und einander bei nächster Gelegenheit sagen, wie wichtig wir uns sind. Heute ist noch so viel zu erledigen. Morgen scheint geduldig auf uns zu warten.

Doch das Leben hat seine eigene Zeitrechnung.

Es fragt nicht, ob wir bereit sind. Es bewahrt nicht jeden Moment, nur weil er uns kostbar war. Und manchmal nimmt es einem Menschen sogar die Erinnerungen, von denen wir dachten, sie würden für immer bleiben.

Meine Mutter ist dement. Vieles von dem, was sie erlebt hat, ist für sie nicht mehr erreichbar. Namen, Ereignisse und vertraute Geschichten sind verblasst. Nur einzelne Erinnerungen sind geblieben – wie kleine Inseln in einem Meer, dessen Ufer sich immer weiter entfernen.

Wenn ich darüber nachdenke, berührt mich nicht nur das Vergessen.

Es erinnert mich auch daran, wie kostbar der Augenblick ist, in dem ein Mensch noch bei uns sitzt. In dem wir miteinander sprechen, gemeinsam lachen oder einfach schweigen können. Vielleicht wird dieser Augenblick später keine Erinnerung mehr sein. Doch in diesem Moment ist er Leben.

Und das ist nicht wenig.

Wir können nicht bestimmen, was bleibt

Manche Erinnerungen suchen wir uns nicht aus.

Das Schicksal hinterlässt Spuren, ohne uns vorher zu fragen. Abschiede, Verluste und Wendungen schreiben sich in unser Leben ein. Wir können nicht verhindern, dass auch das Schwere zu unserer Geschichte gehört.

Andere Erinnerungen werden uns geschenkt.

Vor einiger Zeit setzte sich ein Rotkehlchen auf die Leiste meiner offenen Tür. Es kam ganz nah zu mir, als hätte es für einen kurzen Moment beschlossen, dass zwischen seiner und meiner Welt keine Grenze bestehen müsse.

Ich hatte diesen Augenblick nicht geplant. Ich hatte nichts dafür vorbereitet. Ich konnte ihn weder festhalten noch wiederholen.

Ich konnte nur da sein.

Vielleicht sind gerade deshalb manche kleinen Begegnungen so kostbar. Sie verlangen nichts von uns, ausser dass wir sie bemerken. Für wenige Sekunden wird alles still. Der Alltag tritt zurück, und das Leben zeigt sich in seiner zartesten Form.

Solche Momente lassen sich nicht bestellen.

Aber wir können lernen, für sie anwesend zu sein.

Erinnerungen entstehen nicht nur von selbst

Es gibt jedoch auch Erinnerungen, an deren Entstehung wir beteiligt sind.

Wir können einen Menschen anrufen, solange seine Stimme noch antwortet. Wir können jemanden besuchen, ohne auf einen besonderen Anlass zu warten. Wir können den schönen Teller aus dem Schrank nehmen, eine Kerze anzünden und aus einem gewöhnlichen Abend einen Moment machen, der sich anders anfühlt als alle anderen.

Dafür braucht es keine grosse Reise und kein vollkommenes Fest.

Eine Erinnerung kann bei einer Tasse Kaffee beginnen. Bei einem Spaziergang, während dessen wir das Telefon in der Tasche lassen. Bei einem alten Lied, zu dem wir gemeinsam durch die Küche tanzen. Bei einer Frage, die wir schon lange stellen wollten.

Vielleicht auch bei einem Satz, den wir viel zu selten aussprechen:

Ich bin froh, dass du da bist.

Wir warten oft auf den richtigen Zeitpunkt, um das Leben besonders werden zu lassen. Doch ein Leben besteht überwiegend aus Tagen, die keinen Namen tragen. Aus Montagen, Einkäufen, kleinen Mahlzeiten und vertrauten Wegen.

Wenn wir nur die grossen Ereignisse für erinnerungswürdig halten, übersehen wir den grössten Teil unseres Lebens.

Eine Erinnerung muss nicht vollkommen sein

In unserer Zeit sehen Erinnerungen häufig schon während ihrer Entstehung wie eine Inszenierung aus.

Der Tisch soll makellos gedeckt sein. Das Licht muss stimmen. Alle sollen lächeln. Bevor wir den Augenblick erleben, betrachten wir ihn bereits durch eine Kamera und überlegen, ob er schön genug aussieht, um ihn festzuhalten.

Doch die wertvollsten Erinnerungen sind selten vollkommen.

Vielleicht war der Kuchen etwas zu dunkel. Vielleicht regnete es beim Spaziergang. Vielleicht wurde aus dem geplanten Ausflug nur ein langes Gespräch am Küchentisch.

Das mindert den Wert des Augenblicks nicht.

Eine Erinnerung wird nicht kostbar, weil alles reibungslos verlief. Sie wird kostbar, weil wir wirklich da waren. Weil wir einander zugehört, miteinander gelacht oder gemeinsam etwas getragen haben.

Das Leben muss nicht vollkommen sein, um erinnerungswürdig zu werden.

Es muss nur stattfinden dürfen.

Der Augenblick besitzt einen eigenen Wert

Natürlich können wir nicht wissen, welche Erlebnisse später in unserem Gedächtnis bleiben.

Wir können eine Erinnerung nicht erzwingen. Wir können sie nicht für alle Zeit sichern. Kein Foto und kein Tagebucheintrag kann uns versprechen, dass wir uns eines Tages noch an alles erinnern werden.

Doch vielleicht erschaffen wir gemeinsame Momente auch nicht nur für später.

Vielleicht ist der Augenblick selbst bereits genug.

Das Lächeln gilt in dem Moment, in dem es entsteht. Die Hand, die wir halten, wärmt uns jetzt. Das Gespräch, das wir führen, verbindet uns heute. Selbst wenn die Erinnerung daran eines Tages leiser wird, war dieser Augenblick nicht vergebens.

Er wurde gelebt.

Dieser Gedanke nimmt dem Erinnern nichts von seiner Kostbarkeit. Im Gegenteil: Er befreit uns von der Vorstellung, jeder schöne Moment müsse für immer festgehalten werden, um wertvoll zu sein.

Manches bleibt als Geschichte.

Manches bleibt als Gefühl.

Und manches war einfach ein guter Augenblick, während er geschah.

Verschieben wir das Leben nicht auf später

Vielleicht gibt es einen Menschen, den du schon länger besuchen möchtest.

Vielleicht liegt in einer Schublade eine schöne Tischdecke, die du für einen besonderen Tag aufbewahrst. Vielleicht möchtest du schon lange wieder an einen vertrauten Ort fahren, ein Familienrezept kochen oder jemandem erzählen, was er dir bedeutet.

Dann muss daraus kein grosses Vorhaben werden.

Wähle einen einzigen kleinen Moment.

Schreib die Nachricht. Vereinbare den Spaziergang. Stell die Blumen auf den Tisch. Öffne die Tür. Lass den Alltag für eine Weile warten.

Wir müssen nicht jeden Tag unvergesslich machen. Das wäre ein neuer Anspruch, der uns nur unter Druck setzt.

Aber wir dürfen aufhören, alles Schöne auf irgendwann zu verschieben.

Denn wir wissen nicht, welche Erinnerungen bleiben werden. Wir wissen nicht, wie lange ein Mensch an unserer Seite sein wird. Wir wissen nicht, wann sich ein Rotkehlchen wieder so vertrauensvoll in unsere Nähe setzt.

Was wir wissen, ist nur dies:

Dieser Augenblick ist da.

Und solange er uns gehört, können wir ihn mit Leben füllen. Kleines Rotkehlchen als Signatur für die Maria-Mi-Essayreihe.

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