Rotkehlchen macht einen Schritt auf eine Steinbrücke vor einem offenen Gartentor im herbstlichen Morgenlicht.

Wann hast du dich selbst zuletzt überrascht?

 

Maria Mi · Gedanken für einen neuen Montag

Es gibt Sätze, die klingen nach Erfahrung und sind in Wahrheit nur sehr alte Gewohnheiten: „Das kann ich nicht.“ „Dafür bin ich zu alt.“ „So bin ich eben.“

Manchmal stimmen sie. Ich werde beispielsweise auch nach einem ausgesprochen entschlossenen Montagmorgen nicht plötzlich eine Opernarie singen. Aber erstaunlich oft haben wir einen solchen Satz vor Jahren über uns geschrieben und seitdem nie wieder überprüft.

Dabei ändern wir uns. Leise, zwischen Einkaufen, E-Mails und der Frage, was es heute zum Abendessen gibt. Wir lernen etwas hinzu, werden mutiger oder geduldiger, bekommen andere Wünsche. Nur unser Bild von uns selbst kommt gelegentlich nicht hinterher.

Vielleicht ist nicht dein Mut zu klein. Vielleicht ist nur dein Bild von dir selbst zu alt.

Eine Überraschung muss kein grosses Ereignis sein

Vielleicht sagst du zum ersten Mal freundlich Nein und stellst fest, dass die Welt sich weiterdreht. Vielleicht gehst du allein zu einer Veranstaltung und kommst mit einem guten Gespräch nach Hause. Vielleicht schreibst du drei Zeilen für dich selbst und merkst, dass du doch Worte für etwas findest, das lange keinen Namen hatte.

Oder du probierst etwas aus, das du bisher anderen Menschen zugeordnet hast. Menschen, die „eben so sind“. Bis du plötzlich selbst einer davon bist.

Es braucht dafür keinen dramatischen Aufbruch und keine neue Persönlichkeit bis Freitag. Oft reicht ein kleiner Versuch. Einer, bei dem du hinterher sagen kannst: „Ach. Das steckt also auch in mir.“

Das angenehme Risiko, sich neu kennenzulernen

Natürlich kann so ein Versuch schiefgehen. Du meldest dich für etwas an und findest es langweilig. Du kochst ein neues Rezept, das niemand ein zweites Mal verlangt. Auch das ist eine Erkenntnis. Nicht jeder Versuch muss gleich ein verborgenes Talent freilegen.

Aber wenn wir uns nie eine kleine Abweichung erlauben, bleibt unser altes Urteil unangetastet. „Ich bin nicht kreativ.“ „Ich kann keine Grenzen setzen.“ „Ich traue mich nicht.“ Vielleicht war es einmal richtig. Vielleicht ist es heute nur noch eine veraltete Beschreibung.

Der Herbst passt wunderbar zu solchen kleinen Experimenten. Nach dem Sommer verändert sich der Rhythmus ohnehin. Die Tage werden kürzer, der Kalender füllt sich anders, und Ende September liegt schon der Oktober vor der Tür. Du musst daraus keinen grossen Neustart machen. Du darfst einfach eine einzige Sache ausprobieren und schauen, was geschieht.

Vielleicht überrascht dich, dass du etwas kannst. Vielleicht, dass du etwas nicht mehr willst. Und vielleicht ist gerade das die schönste Entdeckung: Du bist noch nicht fertig damit, dich kennenzulernen. Kleines Rotkehlchen als Signatur für die Maria-Mi-Essayreihe.

Ein paar Minuten nur für dich

Deine Journalingfrage für diese Woche

Was könnte ich diese Woche tun, das ich mir selbst bisher nicht zugetraut habe?

Notiere den kleinsten möglichen ersten Schritt. Nicht die perfekte Version. Die, die du tatsächlich ausprobieren könntest.


Ein kleiner Blick über den Montag hinaus

Wenn du Lust auf einen weiteren Gedankenanstoss für die Woche hast, schau bei Sterne & Stil vorbei. Vielleicht findest du dort eine Frage, ein Mantra oder genau den kleinen Impuls, der dich auf eine neue Idee bringt.

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Und wenn dir beim Lesen eine gute Bekannte eingefallen ist: Schick ihr diesen Essay. Vielleicht überrascht euch schon das Gespräch darüber.

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