Rotkehlchen am Fenster neben Kaffee und Journal – Carpe diem im Alltag

Carpe diem im Alltag – wie sieht ein gelungener Tag aus?

Wann ist ein Tag eigentlich gelungen?

Wenn wir alles erledigt haben, was auf unserer Liste stand? Wenn wir diszipliniert waren, pünktlich, vernünftig und möglichst produktiv? Oder erst dann, wenn neben all dem Müssen auch etwas geschehen durfte, das wir wirklich wollten?

Carpe diem im Alltag klingt zunächst wie eine Einladung: Nutze den Tag. Geniesse den Augenblick. Warte nicht darauf, dass das Leben irgendwann beginnt.

Doch kaum hat der Morgen begonnen, meldet sich die Wirklichkeit. Termine wollen eingehalten, Nachrichten beantwortet und Aufgaben erledigt werden. Nicht jeder Tag lässt sich spontan gestalten. Und nicht jede Verpflichtung kann mit einem beherzten Hinweis auf das Hier und Jetzt beiseitegeschoben werden.

Vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Bedeutung von Carpe diem.

Zwischen Wollen und Müssen

Das Wollen erzählt uns, was uns lebendig macht. Das Müssen erinnert uns daran, dass wir Verantwortung tragen.

Beides gehört zu einem erwachsenen Leben. Wer nur seinen Wünschen folgt, verliert möglicherweise den Halt. Wer jedoch ausschliesslich Pflichten erfüllt, kann eines Tages feststellen, dass er zwar sehr vieles geschafft – sich selbst dabei aber kaum noch gespürt hat.

Ein gelungener Tag entsteht deshalb nicht automatisch durch Freiheit. Er entsteht auch nicht durch eine vollständig abgehakte Aufgabenliste. Er entsteht dort, wo Wollen und Müssen nicht länger wie Gegner behandelt werden.

Vielleicht erledigst du heute etwas, das keinen Aufschub duldet. Vielleicht wartet ein voller Arbeitstag auf dich, eine unangenehme Entscheidung oder eine Aufgabe, auf die du gut verzichten könntest. Das macht den Tag noch nicht zu einem verlorenen Tag.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie werde ich heute alle Pflichten los?

Sie lautet: Was soll neben diesen Pflichten heute ebenfalls einen Platz bekommen?

Was gegen Carpe diem sprechen könnte

„Nutze den Tag“ kann beinahe überheblich klingen, wenn das Leben gerade keine Leichtigkeit bereithält. Es gibt Tage, an denen wir nicht auswählen können. Tage, die von Sorge, Erschöpfung oder Verantwortung bestimmt werden. Wer dann fordert, jeden Augenblick zu geniessen, macht aus einer schönen Idee eine zusätzliche Pflicht.

Auch Lebensfreude darf nicht zu einer weiteren Aufgabe werden, die wir erfüllen müssen.

Carpe diem bedeutet nicht, jeden Tag aussergewöhnlich zu machen. Es verlangt weder grosse Erlebnisse noch ununterbrochene Dankbarkeit. Ein Tag muss nicht glänzen, um wertvoll zu sein.

Vielleicht genügt es, ihn nicht vollständig an das Müssen abzugeben.

Ein bewusst getrunkener Kaffee. Ein persönliches Gespräch, während das Smartphone unbeachtet liegen bleibt. Zehn Minuten mit einem Buch. Ein kurzer Weg ohne Eile. Eine Entscheidung, die nicht nur vernünftig ist, sondern auch gut zu dir.

Solche Augenblicke lösen keine Verpflichtung auf. Aber sie verhindern, dass wir selbst zwischen unseren Verpflichtungen verschwinden.

Carpe diem im Alltag neu gedacht

Vielleicht ist ein gelungener Tag kein Tag, an dem alles Platz hatte. Vielleicht ist es ein Tag, an dem das Richtige Platz hatte.

Das kann heute die konzentrierte Arbeit an einer wichtigen Aufgabe sein. Morgen ist es womöglich das rechtzeitige Aufhören. Manchmal bedeutet es, eine Gelegenheit zu ergreifen. Und manchmal besteht die klügste Form des Handelns darin, etwas bewusst nicht mehr zu tun.

Nicht jeder Tag braucht mehr Inhalt. Manche Tage brauchen nur eine bewusste Entscheidung darüber, was heute wirklich zählt.

Ein Augenblick für dich

Vervollständige diese beiden Sätze, bevor du weitergehst:

Heute muss …

Heute soll trotzdem leben dürfen …

Schreibe nicht fünf Dinge auf. Entscheide dich für jeweils eines. So wird aus einer schönen Absicht eine kleine, klare Vereinbarung mit dir selbst.

Die stille Kunst eines gelungenen Tages

Wir können nicht jeden Tag nach unseren Wünschen formen. Aber wir können aufhören, einen gelungenen Tag ausschliesslich an Leistung zu messen.

Am Abend bleibt selten jede erledigte Kleinigkeit in Erinnerung. Was bleibt, ist eher ein Gefühl: Ich war anwesend. Ich habe nicht nur reagiert. Ich habe wenigstens an einer Stelle selbst entschieden, wie sich dieser Tag anfühlen darf.

Darin liegt vielleicht die zeitgemässe Form von Carpe diem: nicht möglichst viel aus dem Tag herauszuholen, sondern ihm etwas Eigenes zu geben.

Und wenn heute nur ein einziger Augenblick wirklich deiner war, dann war der Tag vielleicht gelungener, als deine Aufgabenliste behauptet. Kleines Rotkehlchen als Signatur für die Maria-Mi-Essayreihe.

Deine Journalingfrage

Wenn ich diesen Tag heute Abend nicht danach beurteile, wie viel ich erledigt habe – woran würde ich erkennen, dass er wirklich meiner war?

Ein gelungener Tag verändert noch nicht das ganze Leben. Doch viele bewusst gelebte Tage können sehr wohl verändern, wie dieses Jahr endet.

Ich wünsche dir einen Tag, an dem nicht alles gelingen muss – aber etwas dabei ist, das sich wirklich nach dir anfühlt.

Alles Liebe
Maria Mi 

Lies hier weiter: Noch vier Monate – bewusst neu beginnen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert