Warum wir das Leben nicht mit Tätigkeit verwechseln sollten
Es gibt Gedanken, die begleiten einen ein Leben lang. Einer davon ist für mich die Überzeugung, dass ein Mensch nicht jede Minute seines Tages mit einer Aufgabe füllen muss. Was früher für viele selbstverständlich war, wirkt heute fast wie ein stiller Gegenentwurf zu unserem Alltag.
Als ich jung war, musste ich niemandem erklären, warum ich einfach eine Stunde auf einer Parkbank sitzen konnte. Ich schaute den Wolken nach, beobachtete Vögel oder ließ meine Gedanken schweifen. Es gab keinen Plan und kein Ziel. Es war weder verlorene Zeit noch Faulheit. Es war einfach Leben.
Heute scheint jede freie Minute einen Zweck haben zu müssen. Während wir auf den Zug warten, greifen wir zum Smartphone. Beim Kaffee beantworten wir noch schnell Nachrichten. Der Spaziergang wird zur Fitnessrunde, das Hobby zur Selbstoptimierung und sogar die Erholung soll möglichst effizient sein. Deshalb frage ich mich manchmal, ob wir nicht unbemerkt etwas Kostbares eingetauscht haben.
Nicht gegen etwas Schlechtes.
Sondern gegen ständige Tätigkeit.
Dabei ist Tätigkeit nicht dasselbe wie Leben.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied. Wer innehält, verliert nicht automatisch Zeit. Er gewinnt etwas zurück, das im hektischen Alltag leicht verloren geht: den eigenen Fokus.
Für mich erfüllt das bewusste Nichtstun gleich zwei wertvolle Aufgaben. Zum einen bestimme ich wieder selbst, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Nicht eine Benachrichtigung entscheidet darüber, nicht eine To-do-Liste und auch kein Algorithmus. Ich entscheide. Diese Freiheit fühlt sich oft erstaunlich ungewohnt an.
Zum anderen öffnet sich der Blick. Plötzlich entdecke ich Dinge, die vorher gar nicht vorhanden zu sein schienen. Das Licht, das durch die Blätter fällt. Das Lachen eines Kindes. Eine ungewöhnliche Wolkenformation. Das leise Summen einer Hummel oder eine kleine Szene mitten in der Stadt, an der ich sonst achtlos vorbeigegangen wäre. Die Welt war schon immer da. Ich war jedoch oft zu beschäftigt, sie wirklich wahrzunehmen.
Vielleicht haben wir gar nicht verlernt, nichts zu tun.
Vielleicht haben wir verlernt, den Blick zu heben.
Gerade deshalb beschäftigen mich Themen wie bewusste Pausen, Selbstfürsorge und innere Gelassenheit schon seit vielen Jahren. Aus diesen Gedanken ist auch mein E-Book „111 Wege zu mehr Self-Care, Gelassenheit und innerer Stärke“ entstanden. Es lädt dazu ein, Schritt für Schritt wieder mehr Ruhe und Achtsamkeit in den Alltag zu bringen – nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als Einladung, sich selbst wieder näherzukommen.
Doch der Fokus bestimmt nicht nur, wie wir unseren Tag erleben. Er beeinflusst auch, wie wir uns selbst sehen. Vielleicht kennst du deshalb auch mein Essay und E-Book „Der Selfie-Code“. Dort geht es um den Blick auf uns selbst und darum, warum wir uns oft kritischer betrachten, als wir es verdient hätten. Beide Themen haben für mich einen gemeinsamen Ursprung: den bewussten Umgang mit unserer Aufmerksamkeit.
Nichtstun verändert den Blick auf das Wesentliche
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass unsere Gesellschaft nicht unter einem Mangel an Produktivität leidet. Im Gegenteil. Wir sind hervorragend darin geworden, Aufgaben zu erledigen. Was uns jedoch zunehmend schwerfällt, ist das einfache Dasein.
Ein Buch lesen, ohne ständig auf das Handy zu schauen.
Einen Kaffee trinken, ohne nebenbei etwas zu erledigen.
Auf einer Bank sitzen, ohne das Gefühl zu haben, die Zeit sinnvoller nutzen zu müssen.
Vielleicht beginnt genau dort eine neue Form von Freiheit.
Nicht, weil wir nichts mehr leisten möchten.
Sondern weil wir nicht mehr alles beweisen müssen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir der Untätigkeit wieder einen anderen Namen geben. Vielleicht ist sie gar keine Untätigkeit. Vielleicht ist sie Aufmerksamkeit. Vielleicht ist sie Erholung. Vielleicht ist sie sogar eine stille Form der Selbstfürsorge.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir aufhören, nur unsere Tätigkeiten zu verwalten, und wieder beginnen, unser Leben zu leben.
Mich würde interessieren, wie du darüber denkst. Fällt es dir leicht, einfach einmal nichts zu tun – oder hast du dabei manchmal ein schlechtes Gewissen?
Wenn dir solche Gedanken gefallen und du Lust auf weitere ruhige Impulse hast, dann komm gerne wieder auf eine Kaffeepause mit Maria Mi vorbei. Ich freue mich auf unseren nächsten gemeinsamen Gedanken.







