Rotkehlchen am offenen Fenster mit Blick auf einen sonnigen Gartenweg – Sinnbild dafür, das eigene Leben nicht länger aufzuschieben.

Das Leben, das immer erst morgen beginnt

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Es gibt ein Morgen, das niemals im Kalender steht.

Es beginnt, wenn endlich mehr Zeit da ist. Wenn die Arbeit ruhiger wird. Wenn wir besser schlafen, uns sicherer fühlen oder genau wissen, was wir wollen. Wenn die Wohnung aufgeräumt, das Konto beruhigt und die Welt ein wenig übersichtlicher geworden ist.

Dann, denken wir, werden wir anfangen.

Dann kümmern wir uns um das, was uns wirklich wichtig ist. Dann nehmen wir uns Zeit für den Menschen, den wir vermissen. Dann lesen wir das Buch, das seit Monaten auf uns wartet. Dann gehen wir wieder hinaus, schreiben, reisen, verändern etwas oder kehren zu uns selbst zurück.

Nur hat dieses Morgen eine merkwürdige Eigenschaft: Es rückt mit jedem neuen Tag einen weiteren Tag von uns fort.

Warum wir unser Leben immer wieder aufschieben

Vielleicht ist heute der richtige Moment, um dein Leben nicht länger aufzuschieben.

Das Vernünftige darf nicht alles bekommen

Oft schieben wir unser Leben nicht aus Bequemlichkeit auf. Wir tun es, weil so vieles zuerst erledigt werden muss.

Wir sind zuverlässig. Wir kümmern uns. Wir beantworten Nachrichten, halten Termine ein, lösen Probleme und tragen Verantwortung. Das alles ist notwendig – und manches davon tun wir sogar gern.

Doch das Dringende besitzt eine laute Stimme. Das Wesentliche spricht meist leiser.

Es erinnert uns nicht mit einem Signalton daran, dass wir uns selbst vermissen. Es schickt keine Mahnung, wenn unsere Freude zu lange warten musste. Es setzt keine Frist für einen Spaziergang, ein Gespräch oder einen Wunsch, der einmal wichtig war.

So kann ein Tag vollkommen ausgefüllt sein – und sich am Abend dennoch seltsam ungelebt anfühlen.

Vielleicht fehlt dir nicht die Zeit

„Ich habe keine Zeit“ klingt wie eine Tatsache.

Manchmal ist es auch eine. Es gibt Lebensphasen, in denen kaum Raum bleibt und jeder Tag mehr verlangt, als wir geben können.

Doch manchmal bedeutet dieser Satz etwas anderes:

Ich warte auf den richtigen Augenblick.
Ich möchte sicher sein.
Ich darf niemanden enttäuschen.
Ich glaube, zuerst alles andere verdienen zu müssen.
Ich fürchte, dass mein Wunsch nicht vernünftig genug ist.

Vielleicht fehlt uns nicht immer die Zeit. Vielleicht fehlt uns manchmal die Erlaubnis, einen Teil unseres Lebens nicht länger hintenanzustellen.

Ein Leben beginnt selten mit einem grossen Entschluss

Wir stellen uns Veränderungen gern als deutliche Wendepunkte vor: eine Entscheidung, ein Neubeginn, ein Vorher und ein Nachher.

Doch das wirkliche Leben verändert sich häufig unspektakulärer.

Es beginnt mit einem Anruf, den wir nicht länger verschieben. Mit zwanzig Minuten, die wir nicht wieder an eine Aufgabe verschenken. Mit einer Seite im Notizbuch. Mit einem Nein, das Platz schafft. Oder mit einem kleinen Ja zu etwas, das schon lange in uns wartet.

Nicht jeder Anfang braucht Mut für ein ganzes neues Leben.

Manchmal braucht er nur den Mut für den heutigen Nachmittag.

Was heute schon beginnen darf

Vielleicht kannst du nicht alles verändern, was dich müde macht. Vielleicht kannst du deine Verpflichtungen nicht einfach zur Seite legen. Und vielleicht ist dein grosser Wunsch noch nicht bereit für einen grossen Schritt.

Aber gibt es etwas Kleines, das heute schon beginnen könnte?

Nicht morgen. Nicht nach dem nächsten Projekt. Nicht erst dann, wenn du dich mutiger, schöner, erfolgreicher oder besser vorbereitet fühlst.

Heute – in der unvollkommenen Wirklichkeit deines Lebens.

Du könntest einen Termin mit dir selbst in den Kalender schreiben. Einen ersten Satz festhalten. Zehn Minuten nach etwas suchen, das du lernen möchtest. Jemandem sagen, was dir fehlt. Oder eine Entscheidung treffen, die noch niemand sieht, die aber bereits etwas in dir verändert.

Das mag wenig erscheinen.

Doch auch ein aufgeschobenes Leben besteht nicht aus einer einzigen grossen Versäumnis. Es besteht aus vielen kleinen Momenten, in denen wir uns selbst auf später vertrösten.

Und ein gelebtes Leben beginnt genauso: mit einem einzigen Moment, in dem wir es nicht tun.

Kaffeepause mit Maria Mi

Vielleicht musst du heute nicht dein ganzes Leben neu ordnen.

Vielleicht genügt es, einen Wunsch wieder ernst zu nehmen.

Setz dich für einen Augenblick hin. Nimm deine Tasse in beide Hände. Lass die Liste warten und frage dich nicht zuerst, was vernünftig, machbar oder nützlich wäre.

Frage dich, was in deinem Leben schon zu lange auf morgen wartet.

Und dann gib diesem Wunsch heute ein kleines Zeichen, dass du ihn nicht vergessen hast.  Kleines Rotkehlchen als Signatur für die Maria-Mi-Essayreihe.

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